Auch wenn ich mich inzwischen einigermaßen sicher fühle, so rätsle ich noch immer, was dieser kalte Blick zu bedeuten hatte. Noch immer läuft es mir, beim Gedanken daran kalt den Rücken herunter. Seine Augen hatten zurück gestarrt, als hätte man ihnen jegliche Menschlichkeit genommen. Als wäre innerhalb von Sekunden ein ganz neuer, gefühlskalter Abklatsch von Thierry in der Tür gestanden.
Nachdem ich noch etwas geruht habe und mich nun auch körperlich besser fühle, als noch vor wenigen Stunden, sitze ich nun wieder mit einigen Kissen im Rücken im Bett und sehe aus dem Fenster in den Garten. Es regnet immer noch in Strömen und das Laub, das die Kieswege des riesigen Anwesens bedeckt glänzt nass im nachmittäglichen Zwielicht. Beim Blick in Richtung Himmel fällt mir auf, dass ich gar nicht weiß, wie lange ich schon hier bin und ich beschließe meinen Gastgeber baldmöglichst danach zu fragen.
Während ich so aus dem Fenster starre und den Bäumen zusehe, wie sie ihre letzten Blätter abwerfen, wird mir klar, wie sehr ich Hunger habe und auch mein Magen macht sich laut knurrend bemerkbar.
Vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt um aufzustehen, denke ich so bei mir, als sich bereits die Tür öffnet und Thierry mit einem schwer beladenen Tablett in den Händen hereintritt.
"Oh! Kannst du Gedanken lesen?" Ich bin angenehm überrascht und auch etwas verwundert. Hatte mein Magen etwa so laut geknurrt?
Ein seltsamer Ausdruck huscht über sein Gesicht, nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann fängt er breit an zu grinsen. Er stellt das Tablett auf einen kleinen Tisch, den er neben das Bett gerückt hat und meint:
"Natürlich nicht, aber ich dachte mir, wenn du seit drei Tagen keine feste Nahrung mehr zu dir genommen hast, dann musst du ja sterben vor Hunger!"
"Da hast du Recht! Ich komme um vor Hung... Moment.... heißt das ich bin schon seit drei Tagen hier?" Das würde bedeuten, dass heute Samstag war und wenn ich morgen nicht in der Messe erscheinen würde, wäre mein Anspruch auf das Haus dahin. Als alleinstehende, elternlose Frau gab es in diesem Dorf Regeln, die man besser einhielt, wenn man nicht auf der Straße oder in einer Zwangsehe enden wollte. Dazu gehörte der regelmäßige Besuch der Messe und ein möglichst tadelloses Verhalten im Allgemeinen. Da ich als Kräuterheilkundige schon einen gewissen Ruf anhaften hatte, der nur von einigen der einflussreicheren Frauen im Dorf, die mich regelmäßig aufsuchten, relativiert wurde, musste ich jede Gelegenheit nutzen, nicht aufzufallen. Kurz: Ich musste morgen früh um jeden Preis in die Messe.
Er musste meinen leicht panischen Blick aufgeschnappt haben, denn zwischen seinen Augen bildete sich eine sehr steile Falte und er legte den Kopf leicht schräg, bevor er zu sprechen begann:
"Stimmt irgendetwas nicht? Brauchst du noch etwas?"
Mein Blick wandert über das Tablett, auf dem sich Käse, Früchte, Brot und Schinken türmen. Auch eine Karaffe mit Wein steht dabei. Doch mein Blick fällt aus dem Fenster und wandert weiter zum Zaun und dem Wald dahinter. In der Ferne kann man den Kirchturm des Dorfs erahnen. Ich atme tief ein und beginne zu erzählen, nur unterbrochen von einem gelegentlichen Nicken Thierrys und dem Knurren meines Magens. Ich erzähle von meinen Eltern und ihrem Tod, meiner Arbeit und den Problemen die sie mit sich bringt, von den Regeln im Dorf und meiner heiklen Situation. Auch von meinen Patienten erzähle ich und meinem schlechten Gewissen, dass ich sie seit drei Tagen nicht besuchen konnte und inzwischen sicher schon jemand bei meinem Haus war um nach mir zu sehen. Als ich geendet habe, sieht er mich nachdenklich an. Dann nimmt er meine Hand und sieht mir in die Augen:
"Alara, dir muss klar sein, dass du noch nicht wieder bereit bist um in deinen Alltag zurückkehren zu können. So ein Schlag auf den Kopf, kann mitunter noch nach Wochen gefährlich sein. Deshalb kann ich dich nicht einfach so gehen lassen. Aber ich lasse mir etwas einfallen, damit du nicht in Schwierigkeiten kommst. Und jetzt iss endlich etwas, das Knurren deines Magens ist ja schon nicht mehr menschlich. Ich komme mir vor, als sein ich unter die Wölfe gekommen!"
Er grinst und ich muss unweigerlich mitgrinsen. Er strahlt so eine Ruhe und Gelassenheit aus, was sich irgendwie auch auf mich überträgt, dass ich mich tatsächlich ohne einen weiteren Gedanken an meine Lage zu verschwenden augenblicklich auf das Tablett stürze und eine ganze Weile lang genüsslich essend da sitze. Er sitzt derweil neben mir auf der Bettkante und blickt gedankenversunken aus dem Fenster.
Als ich den letzten Bissen Brot verschlungen habe, lehne ich mich träge zurück in die Kissen und blinzle schläfrig vor mich hin.
Noch immer blickt Thierry aus dem Fenster in den Regen, der den verwilderten Garten inzwischen in einen Sumpf verwandelt hat. Als er bemerkt, dass ich ihn beobachte, reist er seinen Blick los, sieht mich an und meint schlicht: "Ich habe einen Plan. Komm mit!"
Er springt auf.
Überrascht und etwas genervt, weil ich gerade am liebsten wieder schlafen würde und mein Kopf doch noch sehr schmerzt, bleibe ich sitzen.
"Dir ist schon bewusst, dass ich zum einen verletzt bin und zum anderen noch immer nur dein Hemd trage?"
"Ja, ist es." Er grinst spitzbübisch.
"Thierry de Baulac, ich finde das gar nicht komisch! Deine Ehrbarkeit steht ja nicht auf dem Spiel!"
Er grinst inzwischen von einem Ohr zum anderen. Was er wohl vor hat?
"Darum geht es doch gerade. Wir machen dich zu einer ehrbaren Frau, die ihr Haus behalten darf und ihre große Klappe."
Entgeistert sehe ich ihn an. Er muss den Verstand verloren haben.
Dann dämmert mir etwas.
Das kann nicht sein.
Das darf nicht sein!
Mir wird ganz anders.
Will er mich etwa heiraten?
Ich bin doch unter seinem Stand!
Unter seiner Würde!
Ich wäre nichts weiter als eine Hure in den Augen von Seinesgleichen und auch nichts Besseres in denen der Dorfbevölkerung. Allein der Gedanke schockiert mich. Wie kann er so etwas überhaupt in Erwägung ziehen?
"Nein! Ich sage nein! Das kannst du vergessen!"
"Was kann ich vergessen?" Er sah mich belustigt und irritiert zugleich an.
"Ich werde dich nicht heiraten!"
Für einen Moment herrscht Schweigen, während über sein Gesicht allerlei wunderliche Ausdrücke huschen. Letztlich behält es einen äußerst amüsierten Ausdruck bei, bevor er sich nicht mehr halten kann und vor Lachen fast vom Bett kippt.
"Heiraten!?" er prustet los. "Heiraten? Wie kommst du denn auf die absurde Idee?" er sieht mich verständnislos an obwohl ihm das Grinsen noch immer ins Gesicht geschrieben steht.
So langsam kommt die Nachricht auch bei mir an, was ich daran bemerke, dass mir plötzlich ziemlich warm wird und mein Gesicht die Farbe von reifen Erdbeeren annimmt.
"Ähm, äh...!" stottere ich. Mir fehlen die Worte. Also klappe ich den Mund wieder zu, ich komme mir auch so schon dämlich genug vor.
Ich merke wie er sich sichtlich beherrschen muss nicht erneut loszulachen, während ich mich am liebsten unter der Bettdecke verstecken will.
"Entschuldige," sagt er dann, "ich wollte dir doch den Plan erklären. Also Folgendes: Ich kaufe dein Haus und du bezahlst mir monatlich das Geld als Miete wieder zurück. Dafür darfst du lebenslänglich darin wohnen, aber offiziell ist es nicht in deinem Besitz. Sobald du einmal verheiratet bist und Kinder hast, können dein Mann oder ein männlicher Erbe das Haus mit der verbliebenen Summe zurückkaufen. Von Seiten des Geldes hat also keiner einen Nutzen an dem Geschäft, aber du kannst so lange du möchtest, also auch allein, in dem Haus wohnen bleiben, ohne dass dir die Dorfräte etwas anhaben können."
Ich kann nicht glauben, was ich höre. Der Plan ist schlichtweg genial, denn zur Miete zu leben ist uns alleinstehenden Frauen erlaubt. Ich kann mein Glück kaum fassen.
Dennoch, etwas misstrauisch bin ich schon. Was springt für ihn dabei heraus?
"Das tust du doch nicht aus reiner Nächstenliebe, oder? Was willst du wirklich dafür?"
Er sieht mich an.
Einen Moment lang sieht es so aus, als würde er gar nicht antworten. Dann, ganz plötzlich sind seine Lippen ganz nah an meinem Ohr, sein warmer Atem streicht über meinen Nacken, sodass mir sofort sämtliche Härchen zu Berge stehen. Mir schlägt das Herz bis zum Hals, als er mir ins Ohr haucht:
"Was ich will? Ach, stell dich doch nicht dumm. Du weißt es doch schon, seit du im Wald vor mir davonlaufen wolltest." Er lacht leise. Nun schleicht sich doch wieder die Angst in meine Glieder zurück. "Ganz einfach, ich will dass du mir zur Verfügung stehst, wann immer ich dich brauche. Egal wann!" Den letzten Satz betont er, indem er meinen Kopf in beide Hände nimmt und mein Kinn sanft aber bestimmt nach oben drückt, sodass ich ihn ansehen muss. Inzwischen hämmert mein Herz so laut, dass ich meine, es müsse mir aus der Brust springen. Und ich fühle, wie meine Hände zittern, doch zwischenzeitlich bin ich nicht mehr sicher, ob es wirklich Angst ist, die mich umtreibt, oder etwas anderes.
"Du hast die Wahl, du kannst den Vertrag eingehen oder weiter leben wie bisher, mit der Angst der Willkür einer Dorfgemeinschaft ausgeliefert zu sein. Nichts würde sich für dich ändern. Und ich würde dich nicht weiter belästigen." Dann küsst er meine Lippen, sodass es fast weh tut, steht auf und geht auf die Tür zu. Im Gehen dreht er sich noch einmal um und sagt wieder in seiner ungewöhnlich kalten Stimme: "Entscheide dich. Ich werde nun die Vorbereitungen treffen, doch du solltest nun schlafen, wenn du morgen zur Messe willst."
Dann schließt er unsanft die Tür.
Noch immer schlägt mir das Herz bis zum Hals. Auf der einen Seite bin ich wütend und habe Angst vor dem was er von mir verlangen könnte. Auf der anderen Seite wünsche ich mir schon so lange nicht mehr vor diesen alten Männern im Dorf kriechen zu müssen um meinen Besitz zu verteidigen. Einmal ganz abgesehen davon, dass mein Körper im Moment noch ein paar andere Gründe aufzählen könnte...
Mir schwirrt der Kopf. Zuerst die Verletzung, dann der Wein und nun das hier.
Ich steige aus dem Bett und gehe zum Fenster. Mit etwas sanfter Gewalt lässt es sich öffnen.
Ein kalter Wind weht mir entgegen. Inzwischen hat der Regen aufgehört und es ist dunkel draußen, sodass der Mond den Garten beleuchtet. Ich lehne mich auf das Fensterbrett und starre in die Schatten.
Dann, plötzlich sehe ich eine Bewegung im Augenwinkel. Eine Tür im Untergeschoss schwingt auf und ein Schatten tritt heraus. Thierry. Ich erkenne ihn von weitem, denn sein nackter Oberkörper leuchtet verräterisch im Mondlicht. Was er wohl schon wieder dort draußen tut? Er ist doch kaum eine halbe Stunde zuvor aus dem Zimmer gestürmt. Und warum trägt er schon wieder kein Hemd? Ich beobachte wie er den Garten durch ein Tor in der Mauer am Wald verlässt. Dann ist wieder alles ruhig.
Ich starre weiterhin auf den Punkt, an dem er verschwunden ist und warte.
Ich warte lange.
Nur ein oder zweimal durchbricht eine Eule oder ein Kauz die nächtliche Stille aus Blätterrauschen, Rascheln und Wind.
Zwischenzeitlich fallen mir auch schon fast die Augen zu vor Müdigkeit.
Tatsächlich muss ich kurz weggedöst sein, denn plötzlich werde ich durch ein lautes Krachen geweckt.
Zu Tode erschreckt drehe ich mich vom Fenster weg zur Tür. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass er zurück gekehrt ist.
Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, stockt mir für einen Moment der Atem.
Es ist tatsächlich Thierry, doch er sieht furchtbar aus. Sein dunkles Haar hängt in Strähnen herab, sein Gesicht ist verzerrt und überall am Körper klebt Blut.
Er keucht etwas, doch ich kann es nicht verstehen. Also löse ich mich aus meiner Starre und stürze zu ihm hinüber. Gerade noch rechtzeitig, denn er droht seitlich weg zu kippen. Ich hieve ihn aufs Bett. Noch einmal keucht er etwas.
Etwas das sich bei genauerem Hinhören nach: "Nicht mein Blut" anhört. Dann schließt er erschöpft die Augen und schläft fast augenblicklich ein.