The following story is fictional. It is my way of dealing with dreams. (please also take notice of the post before) Similarities with living persons are coincidence. (Explicit content includet!)
Ein Augenblick
Ich wusste es war falsch ihn so
anzusehen. Ich wusste, dass meine Gedanken verboten waren, dass ich sie
unterdrücken sollte. Mein Gott, wie seine sanften blauen Augen sich in meine
Netzhaut gebrannt hatten, nicht, dass sie einfach nur sanft gewesen wären.
Nein. Trügerisch, wie ein Gebirgssee, lauerten ungeahnte Tiefen unter der so
ruhig und sanft anmutenden Oberfläche. Nur ein gelegentliches Funkeln, eine
kaum merkliche Regung der Muskeln um seine Augen, ein kaum merkliches
Schmunzeln in seinen Mundwinkeln, verrieten den Mann, der sich hinter der sanften
Fassade des intelligenten, liebevollen Partners meiner Kollegin verbarg.
Richtig, meiner Kollegin! „Herrgottnocheins! Schlag ihn dir aus dem Kopf!“
brüllte mir mein Verstand in jeder freien Sekunde, die ich an tiefe Gebirgsseen
dachte ins Gesicht. Doch dann war da wieder sein leicht zerzaustes, blondes
Haar und sein muskulöser Oberkörper, der sich unter dem eng anliegenden Shirt
abzeichnete und die Stimme in meinem Hinterkopf zerrann zu einem bloßen
Hintergrundgeräusch, einer Melodie, wie sie an spannenden Szenen in Krimis und
Thrillern eingespielt wird. Und genau das machte die ganze Sache so erregend.
Ich hatte bereits einige Männer kennengelernt, hatte Erfahrungen gesammelt,
hatte gelernt zu spielen und zu gewinnen. Natürlich waren ein ums andere Mal
auch Enttäuschungen dabei gewesen. Doch unterm Strich hatte ich stets bekommen,
was ich wollte. Wenn man lange nur mit dem heißen Wachs der Kerzen gespielt
hat, gewinnt die Flamme immer mehr an Reiz, je länger sich ihr Licht in die
Netzhaut gebrannt hat.
Als Svenja bei uns in der Kanzlei
angefangen hatte, war ich selbst gerade erst zwei Monate dabei und so schlossen
wir schon in den ersten paar Tagen, im Beisein des Wasserkochers in der
Teeküche Freundschaft. Als Neuling und Fastneuling bekamen wir am Anfang nur
die Aufgaben, die sonst keiner machen wollte und so waren wir oft die letzten
die am späten Abend das Büro verließen. Es entwickelte sich ziemlich rasch eine
symbiotische Beziehung, in der ich Kekse und Plätzchen und sie die
ausgefallensten Teesorten beizusteuern hatte, während wir über dicken
Aktenordnern brüteten und unsere Kollegen nach und nach Feierabend machten. Wir
warteten stets aufeinander, gingen zusammen zur Tiefgarage und parkten unsere
Autos auch immer nebeneinander. Kurz wir passten aufeinander auf. Sie war ein
wenig älter als ich, hatte also bereits einige Jahre in einer Kanzlei in
Frankfurt gearbeitet und gab mir häufig Ratschläge, wenn ich im Büro nicht
weiter wusste. Im Gegenzug beriet ich sie in technischen und stilistischen
Fragen. Sie war eine hübsche Frau, normal gebaut, glattes, blondes Haar, schöne
mandelförmige Augen und schmale, sanft geschwungene Lippen. Ihre unglaubliche Intelligenz und
Wortgewandtheit ließen mich oft vor Neid erblassen und ich war stolz mit ihr
zusammen arbeiten zu dürfen. Doch bei alledem war sie immer etwas unsicher, wenn es um ihr Äußeres ging und kam daher in diesen Fragen dankbar zu mir. Über unser
Privatleben sprachen wir hingegen kaum und so wusste ich auch nichts von ihrem
Freund.
Eines Abends, wir hatten wieder
länger gearbeitet und es war schon dunkel draußen, warteten wir gerade vor dem
Aufzug, als sie mir erzählte, dass ihr Auto in der Werkstatt war und sie
deshalb von ihrem Freund abgeholt werden würde. Sie stieg daher im Erdgeschoss
aus, winkte mir zum Abschied und ging auf die großen Glastüren zu, die den
Eingang des Gebäudes bildeten. Durch die spiegelnden Scheiben hindurch erkannte
ich nur eine dunkle Limousine, auf deren Fahrersitz ein blonder Mann saß, der
Svenja lächelnd die Tür öffnete, als er sie kommen sah. Dann schlossen sich die
Aufzugtüren wieder. Ich fuhr hinab in die Tiefgarage, stieg in meinen Wagen und
fuhr nach Hause. Am nächsten Abend erfuhr ich von Svenja, dass die Reparatur
wohl noch einige Tage in Anspruch nehmen würde, da irgendwelche Ersatzteile
erst bestellt werden mussten. Als sie erneut den Aufzug im Erdgeschoss
verließ, entschuldigte sie sich verlegen, dafür, dass ich nun allein in die
Tiefgarage fahren müsste. Erneut strebte sie auf die Glastüren zu, derselbe
Wagen stand vor der Tür, der blonde Mann am Steuer. Die Türen schlossen sich.
Ich fuhr nach Hause. Einige Tage vergingen auf diese Weise. Am Freitagabend,
wir fuhren wie üblich mit dem Aufzug nach unten, die Türen öffneten sich, da
stand ER im Foyer. Eine legere dunkelblaue Stoffhose, braune Lederschuhe,
brauner Gürtel, blau kariertes Hemd, offenes dunkelblaues Sakko, in der Hand
einen Strauß Blumen. Er lächelte als er uns sah, pardon, als er sie sah. Sie
ging auf ihn zu. Die Türen schlossen sich. Und im letzten Moment, als sich der Spalt fast geschlossen
hatte, trafen sich unsere Blicke. Dass der Aufzug langsam tiefer sank, nahm ich
kaum wahr, genauso wenig, wie den Weg zu meinem Auto oder die Fahrt nach Hause.
Die ganze Zeit über sah ich in diese blauen Augen.
Das Wochenende war unerträglich.
Ich träumte von ihm, sowohl im Schlaf, als auch im wachen Zustand. Immer spürte
ich dieses Prickeln auf der Haut, als würde er mich erneut ansehen. Ich
erwachte morgens mit vor Schweiß klebriger Haut und dem Gefühl, mich die
ganze Nacht mit einem Mann in den Decken vergnügt zu haben. Verkatert und
übermüdet, doch leider nicht befriedigt. Im Gegenteil. Allein vor dem Frühstück
befriedigte ich meine Bedürfnisse dreimal selbst, bevor ich überhaupt
einigermaßen in der Lage war aufzustehen. Die kühle Dusche lenkte mich
wenigstens für ein paar Minuten ab. Doch nachdem ich Müsli und Joghurt
heruntergeschlungen und die Wäsche gewaschen hatte, signalisierte mir mein
Körper erneut, dass er es nicht hinnehmen würde, weitere drei Monate ohne Sex
auszukommen. Erneut dachte ich an blaue Augen, die hinter Aufzugtüren
verschwanden. Ich schüttelte den Kopf, wie um das Bild los zu werden, und
beschloss einen ausgiebigen Spaziergang in der Herbstsonne zu unternehmen,
bevor ich wieder auf dumme Gedanken kommen konnte.
Ich schnappte mir meine
Handtasche, ein Buch und eine Flasche Wasser und verließ das Haus zum
Hinterausgang. Ich ging ein Stück die Straße abwärts, bevor ich auf den Weg zum
Park einbog. Schon von weitem konnte man die Wipfel der herbstlich bunt
gefärbten Bäume über dem Häusermeer aufragen sehen und kaum hatte ich den
nächsten Häuserblock erreicht waren auch die vertrauten Gerüche nach
vertrocknetem Laub, herabgefallenen Pflaume und taufeuchtem Gras greifbar. Ich
überquerte die Straße und trat ein in die grüne Oase inmitten der Großstadt. So
früh an diesem Samstagmorgen waren bereits erstaunlich viele Spaziergänger,
Hundebesitzer und Jogger unterwegs. Und auch der Kletterfelsen am südlichen
Ufer des Sees schien bereits einen frühen Besucher zu haben, der sich gerade
anschickte eine Route an der dem See zugewandten Seite zu erklimmen. Da ich
meine freie Zeit oft mit einem Buch auf einer Parkbank sitzend und das bunte
Treiben beobachtend verbrachte, entschied ich dies auch heute zu tun. Und da
ich neugierig war, wer wohl so früh schon am Felsen war, beschloss ich mich in der Nähe desselben auf einer Bank
niederzulassen. Vielleicht würde mich der Anblick eines anderen Mannes auf
andere Gedanken bringen. Ich umrundete den See, grüßte einen Spaziergänger mit
Hund und zwei Joggerinnen und setzte mich zu Füßen einer Kastanie auf eine der
nagelneuen Parkbänke. Neben mich stellte ich Handtasche und Wasser und griff
dann nach dem Buch, das ich mitgebracht hatte. „Die Wahlverwandtschaften“. Ich
hatte klassische Literatur schon immer gemocht, besonders Goethe. Die Sonne
hing noch sehr tief und schien mir direkt ins Gesicht, sodass ich meine
Sonnenbrille herauskramte. Leider saß ich genau so, dass der Felsen direkt von
hinten von der Sonne beleuchtet wurde und der einsame Kletterer somit nur ein
schwarzer Schatten vor der grauen Felswand und der orangeleuchtenden
Sonnenscheibe war. Enttäuscht widmete ich mich Goethe. Als ich eine Weile
gelesen hatte, war die Sonne langsam weiter gewandert, sodass ich die Brille
wieder abnehmen konnte. Inzwischen war der Kletterer mit einer anderen Route
beschäftigt, sein muskulöser Rücken spannte sich unter dem Shirt und
Schweißflecken waren überall auf dem blauen Stoff zu sehen. Sein blondes Haar
klebte ihm bereits am Hinterkopf, auch er trug eine Sonnenbrille. Ich sah ihm
eine Weile zu, doch da er mit dem Rücken zu mir kletterte, konnte ich nicht
mehr von ihm erkennen, sodass ich mich wieder meinem Buch widmete. Es wurde
langsam später Nachmittag, als der Himmel plötzlich zuzog und ich zu frösteln
begann. Nur einen dünnen Pullover zu tragen, war vielleicht doch keine gute
Idee gewesen. Ich packte meine Sachen ein, schwang mir die Tasche über die
Schulter und sah noch einmal nach dem Kletterer, der ebenfalls den Wetterumschwung
bemerkt hatte und nun eilig seine Schuhe wechselte. Er sah kurz auf, als er
mich bemerkte. Ich erstarrte und ließ beinahe meine Tasche fallen. Es war
Svenjas Freund! Da hatte ich den ganzen Vormittag versucht diese blauen Augen
zu vergessen und nun sahen sie mich direkt an, ohne schützende Aufzugtür
dazwischen. Und so verschwitzt und zerzaust sah er sogar noch besser aus, als
im ordentlichen Sakko. Erneut begann mein Herz zu klopfen und meine Haut
prickelte, als wäre ich in einen Ameisenhaufen gefallen. Ich hatte wohl etwas
zu lang gestarrt. Er lächelte mich fragend an und im selben Augenblick schien
auch er sich zu erinnern. Ein seltsamer Schatten des Erkennens huschte über
sein Gesicht. Er nickte mir zu, lächelte, deutete zum Himmel und ehe ich noch
etwas sagen konnte ging er schnellen Schritts in Richtung des nahen
Parkausgangs davon. Es war als wäre ein Bann von mir genommen. Für einen Moment
war ich unschlüssig was ich tun sollte. Dann wurde mir wieder bewusst, wie kalt
es geworden war und ich beeilte mich nach Hause zu kommen.
Als ich in der Badewanne lag,
umgeben von heißem Wasser, und duftendem Schaum, ließ ich in Gedanken den Tag
erneut an mir vorüber ziehen. War er es wirklich gewesen? Wie hatte ich ihn
nicht sofort erkennen können? Und hatte er mich wirklich auch erkannt? Ob er
mitbekommen hatte, dass ich ihn beobachtete, ihm auf den Hintern gestarrt
hatte? Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. Hoffentlich erzählte
er Svenja nichts davon. Schlimm genug, dass ich in meinen Träumen mit ihrem
Freund schlief. Da musste sie nicht auch noch wissen, dass ich ihn
unwissentlich einen ganzen Tag lang beobachtet hatte. Der Gedanke an Svenja,
die mir am Montag wütend ihren Kaffee ins Gesicht kippen würde, verfolgte mich
die ganze Nacht, immer wieder unterbrochen von den Augen ihres Freundes und
seinen muskulösen Gliedmaßen, die verschwitzt an einem großen Felsen Halt
suchten. Den Sonntag überstand ich nur mit Mühe und Not. Das Essen bei meinen
Eltern zog an mir vorbei und ich erinnerte mich später zu Hause nicht einmal
was es gegeben hatte. Als ich dann ins Bett ging, malte ich mir erneut Svenjas
enttäuschtes Gesicht aus. Sie würde doch sicher mitbekommen, dass etwas mit mir
nicht stimmte. Ich konnte doch meine Gefühle so schwer verbergen, bestimmt
würde sie bemerken, dass ich ihr etwas verheimlichte.
Als ich am Montag früh erwachte,
war ich unglaublich müde. Bestimmt hatte ich die halbe Nacht wach gelegen und
mir die schlimmsten Szenarien ausgemalt. Mein Kopf war erfüllt von einem
dichten Nebel, den nicht einmal eine große Tasse Kaffee verdrängen konnte und
nachdem ich mich einigermaßen vorzeigbar hergerichtet hatte fuhr ich mit
klopfendem Herzen zur Arbeit. Svenja war bereits da, ihr Auto war offenbar
repariert worden und es stand auf seinem angestammten Parkplatz, neben meinem.
Der Aufzug war ziemlich voll, sodass ich, eingekeilt zwischen zwei Bankern und
einer Kollegin aus der Buchhaltung, die vier Becher Kaffee auf einem
Aktenordner balancierte, keine Chance hatte mich noch einmal im Spiegel
anzusehen oder eventuelle
Entschuldigungsworte zu üben. Svenja saß wie üblich an ihrem Schreibtisch, als
ich eintrat. Sie war gern schon etwas früher da, so habe sie noch einen Moment
Ruhe vor dem großen Sturm, hatte sie mir einmal erzählt. Sie begrüßte mich mit
einem strahlenden Lächeln und begann mich gleich über die Aufgaben des heutigen
Tages in Kenntnis zu setzen. Dann sah sie mich besorgt an und fragte ob ich
schlecht geschlafen hätte, ich sähe furchtbar aus. Ich sah sie an. Keine
Enttäuschung. Keine Wut. Nicht einmal Misstrauen war auf ihrem Gesicht zu
erkennen. Sie hielt mir eine Tasse hin. „Trink! Dann geht’s dir im Handumdrehen
besser.“ Ich trank. Es war irgendein Tee. Leicht bitter, etwas nussig und
irgendwie ein Hauch Algen. Ich würgte das Gebräu hinunter und tatsächlich
fühlte ich mich kurz darauf um einiges besser. Die Wärme breitete sich in
meinem Magen aus und hinterließ ein wohliges Gefühl, als würde eine kleine
Sonne in meinem Inneren aufgehen. Ich dankte ihr und vergaß darüber völlig
meine Sorgen vom Vortag. Wir arbeiteten wie üblich bis spät in den Abend
hinein, verließen, wie gewöhnlich, gemeinsam das Büro, nahmen den Aufzug. Erst
im Aufzug erinnerte ich mich. Doch ich war viel zu müde um lange darüber
nachzudenken. Wir verabschiedeten uns in der Garage und fuhren unserer Wege.
Kurz vor Weihnachten stand die obligatorische
Kanzlei-Weihnachtsfeier an. Zusätzlich zum besonders üppigen Weihnachtsbonus
war es in diesem Jahr, dank guter Auftragslage, gestattet mit Begleitung zu
erscheinen. Da ich allerdings bis zuletzt bis zum Hals in Arbeit gesteckt
hatte, war mir dieser Zusatz entgangen, zumal ich ohnehin derzeit ein
Singledasein führte, und so trat ich am 18. Dezember um 19.30Uhr allein aus dem
Aufzug im 7. Stock und fand mich zwischen Sektgläser-balancierenden Grüppchen
von Kollegen und ihren Partnern im weihnachtlich geschmückten Foyer unserer
Kanzlei wieder. Leicht frustriert, dass ich nicht einmal meinen Cousin gefragt
hatte, ob er mich nicht begleiten wolle, schnappte ich mir eines der Sektgläser
von einem der vorbeiwandernden Tabletts und klapperte die einzelnen Grüppchen
ab, um die üblichen Freundlichkeitsfloskeln und Weihnachtswünsche
auszutauschen. Als ich Svenja ausmachte, freute ich mich einfach nur, sie zu
sehen. Auch sie war offensichtlich ohne Begleitung gekommen, was mich sehr
beruhigte. Denn inzwischen hatte ich seit einigen Wochen nicht mehr an blaue
Augen gedacht und war ganz froh, dass er mir auch sonst nirgendwo begegnet war.
Es schneite nun seit gut drei Wochen ununterbrochen, sodass an ausgedehnte
Spaziergänge oder Klettern nicht zu denken war. Ich ging zu ihr hinüber. Sie
unterhielt sich gerade mit der Frau eines Kollegen über die äußerst üppige
Weihnachtsdekoration, sodass ich einfach in das Gespräch mit einstieg. Wir
hatten uns gerade ein paar Minuten unterhalten, als ich das Gefühl hatte, dass
jemand hinter mir stand. Ich drehte mich um und da stand ER. Direkt vor mir.
Etwas näher als üblicherweise nötig gewesen wäre, doch der Raum hatte sich zu
füllen begonnen und er hatte sich zwischen zwei anderen Grüppchen hindurch in
unsere Ecke zwängen müssen. Ich sah ihm direkt in die Augen. Er wand den Blick
nicht ab. Es war, als würden seine Augen die meinen festhalten, sie mit sich in
die Tiefe ziehen. Ich roch das Parfum auf seiner warmen Haut, die Seife mit
denen er soeben seine Hände gewaschen haben musste, ein wenig Schweiß. Die
Mischung brachte mich völlig aus dem Konzept, mir wurde leicht schwindelig.
Svenja fragte ob alles in Ordnung sei. Ich bejahte und entschuldigte mich für
einen Moment. Dann flüchtete ich zur Toilette. Dort öffnete ich das kleine
Fenster und ließ mir die kalte Dezemberluft ins Gesicht wehen. Das tat gut. Ich
begann mich langsam wieder zu beruhigen. Es hätte mir natürlich klar sein
müssen, dass sie ihn mitbringen würde. Verdammt! Was hatte ich mir eigentlich
gedacht? Nun mussten sie mich beide für völlig bescheuert halten. Ich sah mich
im Spiegel an. Bleich wie die Wand. Und Wangen so rot wie das Kleid, das ich
trug. Ich zupfte ein wenig daran herum, der Wasserfallausschnitt hatte sich
durch den Wind etwas verschoben. Der dunkelrote Stoff fühlte sich seidig und
weich zwischen meinen Fingern an. Einige Haarsträhnen hatten sich aus meiner
Frisur gelöst, doch ich fand es sah nun nicht mehr ganz so gezwungen aus und so
wusch ich mir nur kurz die Hände, bevor ich, tief durchatmend, wieder ins Foyer
zurückging. Inzwischen hatte man den Konferenzraum geöffnet wo uns ein üppiges
Buffet und viele kleine Tischgruppen erwarteten. Svenja und einige der anderen
hatten sich bereits hinein begeben und Tische belegt. Sie winkte mich zu sich,
als sie mich sah, neben ihr war ein Platz frei, auf der anderen Seite saß ER.
Ich atmete noch einmal tief durch und ging dann zielstrebig auf meinen Platz
zu, ohne ihn eines einzigen Blickes zu würdigen. Mit jedem Schritt spürte ich
jedoch seinen Blick auf mir ruhen. Bei Tisch bemühte ich mich so normal wie
möglich Konversation zu betreiben, doch ich vermied es nach Möglichkeit IHN
direkt anzusehen. Es stellte sich heraus, dass ER, sein Name war David, als IT
Spezialist bei einem großen Unternehmen in der Stadt arbeitet. Er sei nicht der
große Fan von Weihnachtsfeiern, meinte er, aber er habe Svenja ja nicht allein
gehen lassen können. Sie kicherte, knuffte ihn dabei leicht in die Seite und
nannte ihn Scherzkeks. Nach und nach nahm meine Anspannung ab. Während des
Essens floss der Wein in Strömen und auch danach noch, ließ man uns nicht auf
dem Trockenen sitzen. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich David
ansah. Wenn er aufstand, wenn er zum Buffet ging, wenn er sich setzte, wenn er
etwas sagte. Wenn er es bemerkte sah er zurück, nur für einen Moment, der mir
jedoch ewig erschien, schien er meinen Blick festzuhalten. Dann zog dieser
seltsame Schatten über sein Gesicht. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Als
würde die Welt kurz den Atem anhalten. Dann drehte sie sich wieder weiter, mein
Blick war freigegeben, die Party ging weiter. Svenja bemerkte nichts davon.
Auch ihr schmeckte der Wein. Es war bereits nach ein Uhr nachts, als ich,
Svenja war wohl erneut auf die Toilette verschwunden, bemerkte, wie mir der
Wein langsam zusetzte. Ich entschuldigte mich bei der Tischgesellschaft und
ging hinaus, den Gang hinab zu dem Büro, das Svenja und ich gemeinsam
„bewohnten“. Irgendwo im Schreibtisch mussten doch noch ein paar
Kopfschmerztabletten sein. Ich stand gerade, den Rücken zur Bürotür, über die
Schublade gebeugt, als