Und wenn du den Eindruck hast, dass das Leben Theater ist,

dann such dir eine Rolle aus, die dir so richtig Spaß macht.

William Shakespeare

Samstag, 30. August 2014

Gedanken zur Nacht - Wenn die Fantasie noch immer keine Ruhe gibt Teil 3

Ich sehe mein Haus in der Ferne. Es steht am Rande des Dorfes auf einem Hügel der an den Wald grenzt. Ein hoher Weidenzaun umgibt das kleine Grundstück, dass mein Vater mir, als seinem einzigen Kind überlassen hat. Im Garten wachsen Blumen, Kräuter und etwas Gemüse. Ein Schuppen lehnt sich windschief an das zweistöckige Häuschen, dessen beste Tage längst vorbei sind. Dennoch ist es mein zu Hause. Ein anderes kenne ich nicht, ein anderes habe ich nicht. Aus dem Schornstein steigt eine dünne Rauchsäule auf, auf der Veranda steht noch immer der Lehnstuhl meiner Großmutter, darin liegt Ellis meine Katze. Wind weht die bunten Blätter den Weg hinauf zu meinem Gartentor. Sonnenblumen neigen sich über den Zaun um mich zu begrüßen. Eine Krähe sitzt auf einem der Kürbise im Garten. 
Ich weiß, dass es mir eines Tages genommen wird. 
Interessenten stehen Schlange, ich bin allein und habe keinen der mich vor dem Recht vertritt.
Ich vermisse meinen Vater. Der Verlust schmerzt auch noch nach wenigen Monaten.
Eine Träne läuft meine Wange herab.
Der Wind trägt mich fort.
Er ruft nach mir.
Alara

Alara!

"Alara!"
Verwirrt öffne ich die Augen und blicke mich um.
Halbdunkel, Bett, Decken, Kissen, ein Vorhang ohne Kordel, ein Mann ohne Gesicht.
Panisch werfe ich mich herum. Schlage um mich, schreie um Hilfe. 
Ich will davon laufen, doch meine Beine bewegen sich nicht, mein Kopf hämmert wie verrückt. Erneut laufen Tränen über meine Wangen.

"Alara, beruhigt euch! Ihr seid hier in Sicherheit!"  Seine Stimme klingt wütend. Er drückt meine Arme mit festem Griff aufs Bett, als würde er eine leblose Puppe halten.
Ein fahler Lichtschein beleuchtet seine Augen. Es ist er. Thierry.  Ihn habe ich also nicht geträumt. Das macht es auch nicht besser. 
Während ich vergeblich versuche mich loszureißen, schreie ich ihn an um meine Angst zu verbergen: "Sicherheit nennt ihr das? Ich weiß nicht was los ist, was ihr von mir wollt und womit ich das verdient habe. Ihr haltet mich hier fest und schüttet mir Dinge in den Whiskey, sodass ich nicht mehr Herrin meiner Sinne bin. DAS haltet ihr für Sicherheit? Was für ein kranker Mensch seid ihr bloß!?"
Noch immer versuche ich meine Füße zu bewegen, obwohl mir langsam klar wird, dass sie von einem groben Seil zusammengehalten werden. Entsetzt und wütend fahre ich fort:
"Warum tut ihr das? Warum fesselt ihr mich? Ich habe doch nichts getan!"
Verzweiflung und Angst nehmen mich in Besitz. Ich versuche mich zusammen zu rollen. Mich so klein wie möglich zu machen. Ich fühle mich schutzlos und ausgeliefert. Sein Blick hat etwas wildes, animalisches. Wie ein Kaninchen im Fuchsbau fühle ich mich. Erneut rollen Tränen über meine Wangen. Mein ganzer Körper ist verkrampft und schmerzt.

Ich sehe ihn nicht an, doch ich spüre, dass er mich ansieht. Höre sein Atmen dicht an meinem Ohr.
   
Als er antwortet, hat sich der Klang seiner Stimme verändert. Eher resigniert und besorgt, als wütend. "Alara, ich bitte euch, ich bitte DICH, beruhige dich, dann will ich dir alles erklären. Doch zuerst musst aufhören um dich zu schlagen, zu treten und so zu schreien. Ich will dir wirklich nichts tun. Hab bitte keine Angst vor mir! Kannst du das versuchen?" 
Ich versuche das Zittern aus meiner Stimme zu vertreiben und antworte mehr oder weniger ruhig, aber wachsam: "Dann heraus damit! Und wehe, wenn ihr mich erneut belügt!"

Er atmet tief ein, lockert seinen Griff um meine Handgelenke und setzt sich neben mich auf die Matratze."Ich fasse das mal als 'Ja' auf. Nun gut. Du bist im Wald schwer gestürzt und hast dich am Kopf verletzt. Ich habe dich soweit versorgt, wie es mir mit den bescheidenen Mitteln hier möglich war und dich in meinem Bett schlafen lassen, während ich auf dem Sofa genächtigt habe, zwei Nächte lang. Die letzte Nacht habe ich hier auf dem Boden VOR dem Bett zugebracht, da ich fürchtete, dass du bei deinem Erwachen alles andere als gut auf mich zu sprechen sein würdest. Womit ich offensichtlich Recht hatte. Zu den anderen Vorwürfen: Du hast dir so schwer den Kopf gestoßen, dass du von ganz allein wieder umgekippt bist, nachdem du so fluchtartig die Halle verlassen hattest. In deinem Glas war lediglich ein sehr guter, alter Scotch. Eine Schande, dass du den Rest so verschüttet hast. Aber, das gebe ich zu, das war auch meine eigene Schuld. Mir war einfach nicht klar, wie verängstigt du sein musstest. Das tut mir sehr leid. Ich wollte dir keine Angst damit machen, dass ich dich noch länger hier behalten werde. Ich hatte gehofft etwas Humor würde die Situation auflockern. Aber scheinbar bin ich wirklich der Esel für den mich meine Freunde in Bezug auf das weibliche Geschlecht halten. Ich wollte damit lediglich zum Ausdruck bringen, dass ich dich nicht eher gehen lasse, bevor du nicht vollkommen gesund bist, denn ich fühle mich schuldig, da du meinetwegen verletzt bist."

Er macht eine Pause und sieht mich unsicher an.
Ich muss wohl ziemlich blöde aussehen, wie ich so mit offenem Mund ans Kopfende des Bettes gelehnt sitze und ihn ungläubig anstarre. Die Augen noch immer feucht von Tränen und vor Wut gerötete Wangen. 

"Wenn du meine Entschuldigung natürlich nicht annehmen willst, dann verstehe ich das vollkommen. Dann gehe ich ins Dorf und hole dir einen richtigen Arzt. Ich dachte nur, dass mein bisheriges Medizinstudium dafür ausreichend ist und..."
Ich muss lachen.
Ich muss so laut lachen, dass er kurz einfach nur verdattert da sitzt und mich ansieht, als hätte ich den Verstand verloren. 
Prustend und hustend würge ich schließlich eine Antwort hervor.
"Du willst einen von diesen Metzgern und Quacksalbern hier her holen, damit er mit seinen alten, knochigen Finger an mir herumtatschen kann?" Ich kichere. "Nur zu, die im Dorf wären höchst erfreut über Klatsch und Tratsch und neuen Gründen mich aus meinem Haus zu vertreiben. Vielleicht schicken sie dir auch gleich den Henker mit. Der macht mit mir dann kurzen Prozess und alle werden sagen, ich sei meinen Verletzungen erlegen." Ich muss grinsen, auch wenn mir davon der Schädel in ungekannten Formen schmerzt. Genau wie der Gedanke, dass, wenn irgendjemand hiervon erfahren würde, meine Tage in diesem Dorf gezählt waren. Herausfordernd sah ich ihn an.

Während meiner Rede war er merklich in sich zusammengesackt. Seine Hände lagen Und sein Gesichtsausdruck erinnert mich nun an die vielen Patienten, die ich aufgrund einer Lebensmittelvergiftung behandelt hatte.
Er sieht echt elend aus. Ein bisschen wie ein geprügelter Hund.

Ich versuche meinen Ausbruch unter Kontrolle zu bringen. Irgendwie tut er mir leid. Da hilft er mir, versorgt mich und wie danke ich es ihm? Indem ich ihm die schlimmsten Dinge unterstelle und ihn letztlich verhöhne. Noch immer liegen seine Hände locker auf meinen Unterarmen. Vorsichtig bewege ich einen Arm. Seine Hand zuckt leicht. Ich richte mich vorsichtig auf und lehne mich an das reich verzierte Kopfende des Betts, sodass wir auf Augenhöhe mit einander reden können. Schlaff rutschen seine Hände von meinen Armen herab, eine kommt dicht an meiner zu liegen. Ein Prickeln läuft über meine Haut. Ich begegne seinem Blick, doch er schaut betreten auf seine Hände.

"Es tut mir leid." murmeln wir beide gleichzeitig. Er sieht mich an. Verwundert. Nahezu entgeistert. Unsere Blicke begegnen sich erneut. Ich muss schmunzeln. Was tue ich da? Wollte ich ihm nicht eben noch das Gesicht zerkratzen? Meine ganze Angst ist verschwunden. Er setzt an etwas zu sagen, doch ich unterbreche ihn:
"Hör auf. Es muss dir nichts mehr leid tun, du hast dich schon genug entschuldigt. Ich bin nun an der Reihe. Du konntest nicht wissen, wer ich bin und was ich durchgemacht habe. Du konntest nicht ahnen welche Ängste ich in den letzten Monaten ausstehen musste. Und was man mir antun wollte... Angetan hat." Meine Stimme zittert, bricht.
Eine einzelne Träne rollt über meine Wange.
Tropft auf seine Hand.
Seine Hand zuckt erneut und legt sich dann über meine. Warm und sanft.

So sitzen wir da.

Schweigend.

Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Die Minuten verstreichen und ich lausche seinem Atmen.

Dann drückt er vorsichtig meine Hand, steht auf und geht ohne sich umzusehen zur Tür.
"Bleib so lange wie du willst. Lass mich wissen, wenn du etwas brauchst."
Bevor er die Tür von außen zur Gänze verschließt, sieht er doch noch einmal zurück.

Und sein Blick lässt in mir jeden Knochen gefrieren.

Freitag, 29. August 2014

4.444 Seitenaufrufe :D

DANKE!!!

(Magnolienblüte in der Wilhelma im Frühjahr 2014)

Donnerstag, 28. August 2014

Redesign Nr. 3

Also so langsam hab ich die Nase voll -.- aber leider kann ich die Schrift am Rand nicht besser anpassen. Immerhin kann man nun die Texte lesen.
Das Bild im Hintergrund ist von mir, hab ich letzten Herbst beim Spaziergang mit Lily -->

gemacht. Ich muss glaub ich nicht mehr erwähnen, dass ich den Herbst liebe? Und Lily lieb ich auch! Sie ist der liebste, bravste und verkuscheltste Hund, den ich kenne :)

So, ich hoffe das Design ist zu eurer Zufriedenheit, Teil drei der nächtlichen Story folgt bald. 
Wie man sich vielleicht denken kann, soll das Ganze in eine öhm, sagen wir nicht ganz jugendfreie Richtung gehen. Ursprünglich war allerdings nur die Beobachtungsszene im Wald als poetischer Kurztext geplant (daher die metaphröse Sprache ;) ), da sie auf einem Traum basiert, den ich unlängst hatte.
Lustigerweise entstehen die meisten Geschichten und Gedichte aus solchen Träumen.
Was meint ihr, soll ich öfter mal Fortsetzungsgeschichten posten? Kann halt sein, dass ich mal ein paar Wochen nicht zum schreiben komme. Aber so hätte ich etwas Ansporn überhaupt dran zu bleiben und sie nicht im Dunkel meiner Gedanken versanden zu lassen.

Ich freue mich über Kommentare.

Alva

Mittwoch, 27. August 2014

Gedanken zur Nacht - Wenn die Fantasie mit mir durchgeht Teil 2

Ich schwebe in meinem Kokon durch den Nebel.
Schwarz und weiß umwirbeln mich die Schwaden.
Dumpf klingt von Ferne ein Lied, wie Regentropfen auf Klaviertasten, wie flüssige Sonnenstrahlen, die Violine spielen.



Ich erwache

immer noch umhüllt von Nacht.

Nur der Nebel

lichtet sich.

Das Lager auf dem ich liege ist warm und weich. Decken und Kissen zusammengehäuft auf einem gigantischen Himmelbett. Am Fußende liegt ein rotbrauner Kater zusammengerollt auf einem der Kissen und blickt mich aus verschlafenen Augen an. Als er bemerkt, dass ich wach bin, springt er vom Bett herab und verlässt den Raum durch eine Tür in einiger Entfernung, die offen steht und durch die sich ein sanfter Strahl goldenen Lichts ins Zimmer ergießt. 
So im Halbdunkel erkenne ich außer dem Bett noch einen kleinen, krummbeinigen Tisch und eine antike Kommode an der gegenüberliegenden Wand.

Vorsichtig versuche ich mich aufzurichten. Mein Kopf schmerzt und ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, dass ich irgendetwas vergessen habe.
Gerade als ich mich aus den Decken schälen will, bemerke ich, dass ich nicht meine eigenen Kleider trage, sondern ein Hemd.
Nur ein Hemd.
Ein Männerhemd.

Schlagartig bin ich hellwach.

Panisch suche ich den Raum mit den Augen nach meinen Kleidern ab. 
Auf einem Stuhl ganz in der Nähe erspähe ich meine triefende Strickjacke, das Nachthemd hängt halbtrocken an der Tür. 

Ich fluche innerlich. Warum hatte ich mich nicht regensicherer angezogen, als ich zu meinem nächtlichen Abenteuer aufgebrochen war?
Und wo bei allen Göttern war ich nur gelandet?

Mit etwas wackeligen Knien stehe ich auf.
Eine der Decken ist etwas dünner und mit Schottenkaro gemustert. Ich wickle sie wie einen Rock um meine Hüfte und scanne das Zimmer nach einem geeigneten Gürtel ab.
Mein Blick bleibt an einer Vorhangkordel hängen, die einen von zwei schweren, staubigen Samtvorhängen im Zaum hält. Das Fenster ist von außen durch schwere Läden verschlossen, durch die kein Licht fällt.
Es ist wohl noch immer Nacht. 

Mit meinem behelfsmäßigen Rock und ohne Schuhe mache ich mich auf den Weg zur Tür. 
Der Steinboden ist kalt, das Licht spärlich, doch ich finde meinen Weg ohne größere Kollisionen mit Möbelstücken.
Ich öffne die Tür einen Spalt breit und spähe hindurch.

Ein langer Korridor führt von meinem Zimmer weg zu einem anderen, in dem der goldene Lichtschein seinen Ursprung zu haben scheint. 
Leise schlüpfe ich hinaus, bemüht die Tür nicht zum Quietschen zu bringen.
Vom Korridor zweigen einige weitere Türen ab, die jedoch alle verschlossen sind.

Tatsächlich steht jedoch die Tür am anderen Ende offen und ich spähe hindurch.
Zuerst sehe ich einen großen Kamin, in dem ein munteres Feuer prasselt.
Der Raum ist riesig und an den Wänden, soweit das Feuer sie bescheint, sind große Gemälde zu erkennen und Bücherregale erheben sich an der fernen Längsseite des Saals. 
Vor einem dieser Regale steht ein Mann im Gehrock und blickt aus einem der Fenster hinaus in die verregnete Nacht.

Ohne sich umzudrehen richtet er das Wort an mich: " Tretet doch näher!"
Seine Stimme klingt angenehm, wie Honig.
Ich gehorche ohne nachzudenken. 
Als ich den Kamin passiere dreht er sich um und nickt mir freundlich zu. 
Auch wenn ich noch immer nicht weiß, was geschehen ist, so fühle ich mich nun doch sicherer.
Und so gehe ich die letzten Schritte bis zu ihm etwas entspannter. 

Er ist etwa einen Meter achtzig groß, hat kurzes dunkles Haar, das ihm leicht zerzaust in die Stirn fällt und vermutlich graugrüne Augen, die mich interessiert mustern. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, doch dunkle Ringe unter den Augen zeugen von einer kurzen Nacht und wenig Schlaf. 

"Setzt euch doch!" Seine Hand deutet auf ein altes, braunes Ledersofa, auf dem bereits eine zerknautschte Decke und der rotbraune Kater liegen. Vermutlich hatte er dich Nacht darauf verbracht.
"Habt Dank!" stammle ich, leicht heiser, und folge der Aufforderung.

Er sieht mich wieder mit diesem interessierten Blick an.
Schweigt.
Dann scheint ihm einzufallen, dass ich sein Gast bin.
Er entschuldigt sich für einen Moment, geht zu einem storchbeinigen Tischchen, nimmt eine darauf stehende Kristallflasche und gießt daraus eine goldgelbe Flüssigkeit in zwei Gläser.
Das eine reicht er daraufhin mir, am anderen nippt er selbst, bevor er zu sprechen beginnt.

"Wie geht es eurem Kopf? Erinnert ihr euch daran, dass ihr gestürzt seid?"

Ich schnuppere an meinem Glas, nippe ebenfalls daran und lasse die brennende Flüssigkeit für einen Moment im Mund, bevor ich sie herunter schlucke. Dann, den Blick auf das Glas geheftet, antworte ich: "Ich habe noch immer Schmerzen und ich fühle mich noch nicht so sicher auf den Beinen. Doch an den Sturz erinnere ich mich nicht. Da sind nur irgendwelche zusammenhangslosen Bilder in meinem Kopf. Regen, Wald und ...."
Schlagartig erinnere ich mich an den Mann im Wald, an seinen nassen Oberkörper und die Augen, die mich musterten. 
Er musste meine Überraschung bemerkt haben, denn als ich ihn nun ansehe, sind seine Augenbrauen nach oben gezogen und er scheint auf etwas zu warten.
"Ihr wart dort im Wald! Ich habe euch beob.... euch zufällig dort gesehen und mich zu Tode erschreckt!"

Er grinst. "Entschuldigt, wenn ich euch erschreckt haben sollte. Doch offen gestanden wart ihr es die mich heimlich beobachtet und mir einen Schrecken eingejagt hat."

Ich spüre förmlich, wie mir das Blut in die Wangen schießt und sehe zu Boden.
"Ich bitte euch ebenfalls um Entschuldigung, mein Verhalten war nicht ziemlich. Ich wollte nicht... Ich meine wenn ich gewusst hätte.... Was ich sagen will, ist, dass... Was hattet ihr um diese Zeit, halbnackt, im strömenden  Regen im Wald zu suchen?"

Meine Frage scheint ihn zu belustigen, was mich noch unsicherer macht. Noch immer grinsend antwortet er schließlich:
"Das Selbe könnte ich wohl auch euch fragen. Mitten in der Nacht in einem Nachthemd mit einem Buch in der Hand durch den Wald zu laufen, ist ebenfalls nicht sehr ziemlich für eine junge Frau. Aber, nun gut. Ich konnte nicht schlafen und suchte die Stille des Waldes. Das ist schon alles. Was führte jedoch euch hinaus bei diesem Regen?"

"Zum einen konnte auch ich nicht schlafen, weshalb ich auf der Veranda noch etwas lesen wollte. Zum anderen begann es erst zu regnen, als ich bereits im Wald war. "

"Was hat euch dann in den Wald geführt? Ihr scheint aus gutem Hause zu sein, da streunt man doch nicht nachts allein durchs Unterholz." Sein Mund bleibt unverändert, doch in seinen Augen meine ich den Schalk aufblitzen zu sehen.
Ich bin nicht sicher, ob das seltsame Gefühl, das sich in meiner Magengegend ausbreitet, Unbehagen oder Verlangen ist.
"Ich streune nicht. Ich folgte einem Geräusch in den Wald. Genauer gesagt einer Melodie, auf die ich beim Lesen aufmerksam wurde. Sie führte mich mehr oder weniger direkt zu euch."

"Eine Melodie im Wald? Eure Fantasie scheint mit euch durchgegangen zu sein. Die einzigen Melodien im Wald sind das Rauschen der Blätter im Wind und das Heulen der Wölfe bei Vollmond."
Wieder ein Grinsen unter der Maske. Diesmal jedoch verzieht er auch den Mund leicht.

"Nun glaubt mir oder nicht. Ich weiß jedenfalls was ich gehört und gesehen hab." Allmählich wird mir dieses Kreuzverhör zu dumm. "Darf ich fragen wer ihr eigentlich seid und wo ich hier bin? Und vor allem: Warum trage ich nicht mehr meine Kleider und WER hat mich ausgezogen? Bin ich euer Gast oder haltet ihr mich hier fest?"

"Entschuldigt, ich habe wohl meine Manieren vergessen. Meine Name ist,... ach nennt mich einfach Thierry. Ihr seid hier auf dem Landsitz meiner Familie, den Beaulacs, den ich seit einigen Tagen erst bewohne um meinen Studien nach zu gehen. Entschuldigt bitte die kärgliche Einrichtung und das fehlende Personal, sie werden bereits aus Paris überführt, sind jedoch wegen des schlechten Wetters noch nicht einmal fünfzig Meilen weit gekommen. Aus diesem Grund halten Vincent und ich hier die Stellung." Er deutet mit der freien Hand auf den Kater, der sich genüsslich vor dem Kamin räkelt und nimmt noch einen großen Schluck aus seinem Glas. "Was eure Kleider angeht, so befürchtete ich, dass ihr euch erkälten könntet. Ich habe sie euch ohnehin ausziehen müssen, da sie nicht nur nass, sondern auch schmutzig und vom Knie abwärts eingerissen waren. Leider besitze ich keine Damenbekleidung in eurer Größe, ihr müsst also vorerst mit meinem Hemd und eurem behelfsmäßigen Rock vorlieb nehmen, bis sie ganz getrocknet sind. Sie sind inzwischen gewaschen, notdürftig geflickt und hängen zum trocknen im einzigen bisher bewohnbaren Schlafzimmer. Meinem. Ich hoffe übrigens ihr habt gut geschlafen, denn mir war dieses Vergnügen auf dem Sofa nicht vergönnt." Das letzte spricht er leise, doch mit leichtem Ärger in der Stimme aus.

Ich besehe mir die zerknautschte Decke etwas näher. Sie ist dünn, hat Löcher und riecht nach alten Mottenkugeln. Nun fühle ich mich schlecht. Fast hätte ich ihn beschuldigt mir etwas angetan zu haben. Nun erscheint er mir in einem ganz anderen Licht und ich bewundere seine Edelmütigkeit mir, einer Fremden, gegenüber.
"Es tut mir leid. Ich wollte euch nicht kränken und auch nicht, dass ihr euch solche Umstände wegen mir macht. Ich..." Mir fehlen plötzlich die Worte. Was sagt man jemandem in so einer Situation?
Ich entscheide mich für ein schlichtes:
"Danke!"
"Gern geschehen!" Erwiedert er, noch immer mit einer leicht angesäuerten Stimme. Er trinkt den letzten Schluck aus seinem Glas, stellt es zurück auf den Tisch und wendet sich wieder mir zu, diesmal mit einem entspannteren Unterton:
"Wie darf ich euch nun eigentlich nennen? Waldmädchen? Oder lieber neugieriges Ding?" Ein verschmitztes Lächeln umspielt seine Lippen. Meine Gedanken setzen für einige Sekunden aus. Ich muss wieder an die Szene im Wald denken, als er mich ganz ähnlich betrachtet hatte.
"Wie wäre es mit Alara? So nannten mich zumindest meine Eltern."
"Gut. Alara!  Dann solltet ihr, Mademoiselle Alara, vielleicht darüber Kenntnis erhalten, dass ihr weder mein Gast, noch meine Gefangene seid. Genauer gesagt, seid ihr ein wenig von beidem."
Ich brauche einen Moment um zu begreifen. Warte darauf, dass er loslacht und mir erklärt, dass er einen Scherz gemacht habe. Doch nichts dergleichen passiert. Die Augenblicke verstreichen, während ich ihn entgeistert ansehe und sich in seinen Augen das Feuer im Kamin zu einer unheimlich Glut spiegelt. Ich sehe das Lächeln, dass sich wölfisch über seine Lippen ausbreitet. Ich sehe das Funkeln, die Neugier, den Hunger. Und dennoch bin ich für einige Augenblicke wie gelähmt und höre nur das Rauschen von Blut in meinen Ohren.
Dann meldet auch mein Gehirn Gefahr und meine Glieder setzen sich in Bewegung.

Ich will aufstehen und zur Tür rennen.
Stattdessen stolpere ich unbeholfen los, das fast leere Glas fällt mit einem Klirren zu Boden.
Die Tür kommt näher,
ich spüre den Schmerz in meinen Gliedern,
ein Stechen im Kopf.
Ich stürze hinaus auf den Flur,
raffe die Decke zusammen um nicht darüber zu stolpern.
In meinem Kopf beginnt es zu hämmern.
Ich höre Schritte hinter mir.
Kämpfe mich weiter.

Plötzlich wird mir schwarz vor Augen,
Blitze durchzucken schmerzhaft das Dunkel.

Ich stürze,

falle

falle

tief

ins

Dunkel

ins

Nichts.

Mein letzter Gedanke gilt dem Glas mit der goldgelben Flüssigkeit.

Fortsetzung folgt...

Dienstag, 26. August 2014

Gedanken zur Nacht - Wenn die Fantasie mit mir durchgeht Teil 1

Im Schatten eines Baumes sah ich dich stehen,
vom Mond beschienen nur die weiße Haut deines Rückens,
nass glänzend vom Regen, der daran hinabrann.
Das dunkle Haar, ebenso glänzend, hing dir tropfend in die Stirn
sodass ich nur leicht glänzend deine Augen erahnen konnte.
Wie Nebel sah ich die Atemwölkchen vor deine leicht geöffneten Lippen treten
und auch von ihnen tropfte der Regen...

tropfte zu Boden

ins feuchte,

raschelnde

Laub.

Gebannt stand ich da.
Das prasseln des Regens auf den Blättern.
Tropfen auch auf meiner Haut, die ich nicht spürte.
Beobachtete die Rinnsale, die deinen nackten Oberkörper hinabflossen.
Trank die Szene wie einen teuren, alten Wein.
Genoss jeden Schluck.
Ließ jeden Augenblick auf der Zunge zergehen.


Bis...

Blitzschnell blickst du auf, blickst mich an.
Mit diesen unergründlichen, im Schatten liegenden Augen, die nur das Mondlicht lebendig zu machen scheint.
Du trittst aus dem Schatten ins Mondlicht, in deinem Blick eine Frage.
Verwunderung, Neugier

Ich löse mich aus meiner Erstarrung, bin dennoch wie gefesselt.
Meine Glieder gehorchen mir nicht mehr.
Das Buch, das ich zuvor noch an meine Brust gepresst gehalten hatte, fällt zu Boden.

Wie in Zeitlupe

fällt

es

ins

nasse

Laub.


Wir starren                                                    uns an,
wie zwei                                                       wilde Tiere.
Jede Faser unserer Körper ist angespannt, bereit zum Sprung? Bereit zur Flucht?
Liegt da etwas anderes hinter der Verwunderung?
Sehe ich Hunger? Sehe ich Verlangen?
Starre ich in Abgründe, wenn ich in deine Augen sehe?


Kalte Schauer laufen mir den Rücken herab und mir wird bewusst, dass meine Kleider auch real bis auf die Haut vom Regen durchtränkt sind.
Das Nachthemd, sowie der Wollmantel den ich übergeworfen hatte, kleben an mir wie eine zweite Haut.

Ich zittere.

Du machst einen Schritt auf mich zu.                      Hältst meinen Blick gefangen.


Ich weiche zurück.                                                  Mein Herz klopft.

Erneut machst du einen Schritt auf mich zu.


Und ich weiche zurück.

Mir wird bewusst, dass deine Schritte viel größer sind als die meinen.

Ich taumle zurück, etwas zu hastig.
Stolpere über ein Wurzel.
Stürze.
Ins nasse Laub.
Mein Kopf stößt gegen etwas hartes.
Mein Herz pocht schneller.
Ich versuche mich aufzurappeln, doch vor meinen Augen tanzen Sterne.
Und schon verdeckt dein Schatten den Mond.

Du kniest dich zu mir nieder.
Streckst die Hand nach meinem Arm aus um mich in eine sitzende Position bewegen zu können.
Ein stechender Schmerz durchzuckt meinen Kopf, doch in Gedanken wundere ich mich nur über die Wärme, die von deiner Hand ausgeht.

Vorsichtig hältst du mein Kinn in einer Hand während du dir meinen Kopf besiehst.
Ich schließe die Augen und genieße die Wärme deiner Hände, atme den Duft deiner nassen Haut.

Ich spüre, wie ich mich entspanne, zerfließe zwischen den Regenschleiern,
wie mich der Duft von feuchtem Laub, von Regentropfen und deiner Haut umfängt und hinwegträgt.

Fort in einen Nebel aus fernen Schritten und raschelndem Laub,
gewiegt in einem Kokon aus Wärme und Nacht.





Freitag, 22. August 2014

Herbstwind

Noch sind die Blätter nicht gefallen,
doch der Wind zerrt schon an ihnen, wie auch an mir.
Die Morgennebel verhüllen bereits das Antlitz der Erde
und kühl pfeift der Wind des Nachts um die Häuser.
Ich höre ihn rufen in der Ferne.

Hülle mich in Nebel!
Trage mich hinfort!

Schwer hängen die Äste der Bäume zu Boden,
prächtig behangen mit saftigen Früchten und Nüssen.
Voller Leben, voller Pracht,
doch auch niedergedrückt von der Last.
Noch bin auch ich an diesen Ort gebunden,
schwer ist die Last, die mich hält.

Befreie mich!
Trage mich hinfort!

Der Wind bläst mir das Haar ins Gesicht umschmeichelt mich, wie ein Liebhaber seine Braut.
Er flüstert mir zu, zerrt an meinen Kleidern, zieht mich zu sich heran.
Mit ihm soll ich gehen, ferne Orte bereisen, frei sein, meine Fesseln lösen.
Mit ihm will ich gehen, weit weg mich tragen lassen, tanzen zwischen den Welten.


Da ist er wieder - der Herbstwind der mich ruft.

Und diesmal werde ich mit ihm gehen.