Und wenn du den Eindruck hast, dass das Leben Theater ist,

dann such dir eine Rolle aus, die dir so richtig Spaß macht.

William Shakespeare

Sonntag, 7. Februar 2016

Ein Augenblick

The following story is fictional. It is my way of dealing with dreams. (please also take notice of the post before) Similarities with living persons are coincidence. (Explicit content includet!)


Ein Augenblick

Ich wusste es war falsch ihn so anzusehen. Ich wusste, dass meine Gedanken verboten waren, dass ich sie unterdrücken sollte. Mein Gott, wie seine sanften blauen Augen sich in meine Netzhaut gebrannt hatten, nicht, dass sie einfach nur sanft gewesen wären. Nein. Trügerisch, wie ein Gebirgssee, lauerten ungeahnte Tiefen unter der so ruhig und sanft anmutenden Oberfläche. Nur ein gelegentliches Funkeln, eine kaum merkliche Regung der Muskeln um seine Augen, ein kaum merkliches Schmunzeln in seinen Mundwinkeln, verrieten den Mann, der sich hinter der sanften Fassade des intelligenten, liebevollen Partners meiner Kollegin verbarg. Richtig, meiner Kollegin! „Herrgottnocheins! Schlag ihn dir aus dem Kopf!“ brüllte mir mein Verstand in jeder freien Sekunde, die ich an tiefe Gebirgsseen dachte ins Gesicht. Doch dann war da wieder sein leicht zerzaustes, blondes Haar und sein muskulöser Oberkörper, der sich unter dem eng anliegenden Shirt abzeichnete und die Stimme in meinem Hinterkopf zerrann zu einem bloßen Hintergrundgeräusch, einer Melodie, wie sie an spannenden Szenen in Krimis und Thrillern eingespielt wird. Und genau das machte die ganze Sache so erregend. Ich hatte bereits einige Männer kennengelernt, hatte Erfahrungen gesammelt, hatte gelernt zu spielen und zu gewinnen. Natürlich waren ein ums andere Mal auch Enttäuschungen dabei gewesen. Doch unterm Strich hatte ich stets bekommen, was ich wollte. Wenn man lange nur mit dem heißen Wachs der Kerzen gespielt hat, gewinnt die Flamme immer mehr an Reiz, je länger sich ihr Licht in die Netzhaut gebrannt hat.
Als Svenja bei uns in der Kanzlei angefangen hatte, war ich selbst gerade erst zwei Monate dabei und so schlossen wir schon in den ersten paar Tagen, im Beisein des Wasserkochers in der Teeküche Freundschaft. Als Neuling und Fastneuling bekamen wir am Anfang nur die Aufgaben, die sonst keiner machen wollte und so waren wir oft die letzten die am späten Abend das Büro verließen. Es entwickelte sich ziemlich rasch eine symbiotische Beziehung, in der ich Kekse und Plätzchen und sie die ausgefallensten Teesorten beizusteuern hatte, während wir über dicken Aktenordnern brüteten und unsere Kollegen nach und nach Feierabend machten. Wir warteten stets aufeinander, gingen zusammen zur Tiefgarage und parkten unsere Autos auch immer nebeneinander. Kurz wir passten aufeinander auf. Sie war ein wenig älter als ich, hatte also bereits einige Jahre in einer Kanzlei in Frankfurt gearbeitet und gab mir häufig Ratschläge, wenn ich im Büro nicht weiter wusste. Im Gegenzug beriet ich sie in technischen und stilistischen Fragen. Sie war eine hübsche Frau, normal gebaut, glattes, blondes Haar, schöne mandelförmige Augen und schmale, sanft geschwungene Lippen. Ihre unglaubliche Intelligenz und Wortgewandtheit ließen mich oft vor Neid erblassen und ich war stolz mit ihr zusammen arbeiten zu dürfen. Doch bei alledem war sie immer etwas unsicher, wenn es um ihr Äußeres ging und kam daher in diesen Fragen dankbar zu mir. Über unser Privatleben sprachen wir hingegen kaum und so wusste ich auch nichts von ihrem Freund.
Eines Abends, wir hatten wieder länger gearbeitet und es war schon dunkel draußen, warteten wir gerade vor dem Aufzug, als sie mir erzählte, dass ihr Auto in der Werkstatt war und sie deshalb von ihrem Freund abgeholt werden würde. Sie stieg daher im Erdgeschoss aus, winkte mir zum Abschied und ging auf die großen Glastüren zu, die den Eingang des Gebäudes bildeten. Durch die spiegelnden Scheiben hindurch erkannte ich nur eine dunkle Limousine, auf deren Fahrersitz ein blonder Mann saß, der Svenja lächelnd die Tür öffnete, als er sie kommen sah. Dann schlossen sich die Aufzugtüren wieder. Ich fuhr hinab in die Tiefgarage, stieg in meinen Wagen und fuhr nach Hause. Am nächsten Abend erfuhr ich von Svenja, dass die Reparatur wohl noch einige Tage in Anspruch nehmen würde, da irgendwelche Ersatzteile erst bestellt werden mussten. Als sie erneut den Aufzug im Erdgeschoss verließ, entschuldigte sie sich verlegen, dafür, dass ich nun allein in die Tiefgarage fahren müsste. Erneut strebte sie auf die Glastüren zu, derselbe Wagen stand vor der Tür, der blonde Mann am Steuer. Die Türen schlossen sich. Ich fuhr nach Hause. Einige Tage vergingen auf diese Weise. Am Freitagabend, wir fuhren wie üblich mit dem Aufzug nach unten, die Türen öffneten sich, da stand ER im Foyer. Eine legere dunkelblaue Stoffhose, braune Lederschuhe, brauner Gürtel, blau kariertes Hemd, offenes dunkelblaues Sakko, in der Hand einen Strauß Blumen. Er lächelte als er uns sah, pardon, als er sie sah. Sie ging auf ihn zu. Die Türen schlossen sich. Und im letzten  Moment, als sich der Spalt fast geschlossen hatte, trafen sich unsere Blicke. Dass der Aufzug langsam tiefer sank, nahm ich kaum wahr, genauso wenig, wie den Weg zu meinem Auto oder die Fahrt nach Hause. Die ganze Zeit über sah ich in diese blauen Augen.
Das Wochenende war unerträglich. Ich träumte von ihm, sowohl im Schlaf, als auch im wachen Zustand. Immer spürte ich dieses Prickeln auf der Haut, als würde er mich erneut ansehen. Ich erwachte morgens mit vor Schweiß klebriger Haut und dem Gefühl, mich die ganze Nacht mit einem Mann in den Decken vergnügt zu haben. Verkatert und übermüdet, doch leider nicht befriedigt. Im Gegenteil. Allein vor dem Frühstück befriedigte ich meine Bedürfnisse dreimal selbst, bevor ich überhaupt einigermaßen in der Lage war aufzustehen. Die kühle Dusche lenkte mich wenigstens für ein paar Minuten ab. Doch nachdem ich Müsli und Joghurt heruntergeschlungen und die Wäsche gewaschen hatte, signalisierte mir mein Körper erneut, dass er es nicht hinnehmen würde, weitere drei Monate ohne Sex auszukommen. Erneut dachte ich an blaue Augen, die hinter Aufzugtüren verschwanden. Ich schüttelte den Kopf, wie um das Bild los zu werden, und beschloss einen ausgiebigen Spaziergang in der Herbstsonne zu unternehmen, bevor ich wieder auf dumme Gedanken kommen konnte.
Ich schnappte mir meine Handtasche, ein Buch und eine Flasche Wasser und verließ das Haus zum Hinterausgang. Ich ging ein Stück die Straße abwärts, bevor ich auf den Weg zum Park einbog. Schon von weitem konnte man die Wipfel der herbstlich bunt gefärbten Bäume über dem Häusermeer aufragen sehen und kaum hatte ich den nächsten Häuserblock erreicht waren auch die vertrauten Gerüche nach vertrocknetem Laub, herabgefallenen Pflaume und taufeuchtem Gras greifbar. Ich überquerte die Straße und trat ein in die grüne Oase inmitten der Großstadt. So früh an diesem Samstagmorgen waren bereits erstaunlich viele Spaziergänger, Hundebesitzer und Jogger unterwegs. Und auch der Kletterfelsen am südlichen Ufer des Sees schien bereits einen frühen Besucher zu haben, der sich gerade anschickte eine Route an der dem See zugewandten Seite zu erklimmen. Da ich meine freie Zeit oft mit einem Buch auf einer Parkbank sitzend und das bunte Treiben beobachtend verbrachte, entschied ich dies auch heute zu tun. Und da ich neugierig war, wer wohl so früh schon am Felsen war, beschloss ich  mich in der Nähe desselben auf einer Bank niederzulassen. Vielleicht würde mich der Anblick eines anderen Mannes auf andere Gedanken bringen. Ich umrundete den See, grüßte einen Spaziergänger mit Hund und zwei Joggerinnen und setzte mich zu Füßen einer Kastanie auf eine der nagelneuen Parkbänke. Neben mich stellte ich Handtasche und Wasser und griff dann nach dem Buch, das ich mitgebracht hatte. „Die Wahlverwandtschaften“. Ich hatte klassische Literatur schon immer gemocht, besonders Goethe. Die Sonne hing noch sehr tief und schien mir direkt ins Gesicht, sodass ich meine Sonnenbrille herauskramte. Leider saß ich genau so, dass der Felsen direkt von hinten von der Sonne beleuchtet wurde und der einsame Kletterer somit nur ein schwarzer Schatten vor der grauen Felswand und der orangeleuchtenden Sonnenscheibe war. Enttäuscht widmete ich mich Goethe. Als ich eine Weile gelesen hatte, war die Sonne langsam weiter gewandert, sodass ich die Brille wieder abnehmen konnte. Inzwischen war der Kletterer mit einer anderen Route beschäftigt, sein muskulöser Rücken spannte sich unter dem Shirt und Schweißflecken waren überall auf dem blauen Stoff zu sehen. Sein blondes Haar klebte ihm bereits am Hinterkopf, auch er trug eine Sonnenbrille. Ich sah ihm eine Weile zu, doch da er mit dem Rücken zu mir kletterte, konnte ich nicht mehr von ihm erkennen, sodass ich mich wieder meinem Buch widmete. Es wurde langsam später Nachmittag, als der Himmel plötzlich zuzog und ich zu frösteln begann. Nur einen dünnen Pullover zu tragen, war vielleicht doch keine gute Idee gewesen. Ich packte meine Sachen ein, schwang mir die Tasche über die Schulter und sah noch einmal nach dem Kletterer, der ebenfalls den Wetterumschwung bemerkt hatte und nun eilig seine Schuhe wechselte. Er sah kurz auf, als er mich bemerkte. Ich erstarrte und ließ beinahe meine Tasche fallen. Es war Svenjas Freund! Da hatte ich den ganzen Vormittag versucht diese blauen Augen zu vergessen und nun sahen sie mich direkt an, ohne schützende Aufzugtür dazwischen. Und so verschwitzt und zerzaust sah er sogar noch besser aus, als im ordentlichen Sakko. Erneut begann mein Herz zu klopfen und meine Haut prickelte, als wäre ich in einen Ameisenhaufen gefallen. Ich hatte wohl etwas zu lang gestarrt. Er lächelte mich fragend an und im selben Augenblick schien auch er sich zu erinnern. Ein seltsamer Schatten des Erkennens huschte über sein Gesicht. Er nickte mir zu, lächelte, deutete zum Himmel und ehe ich noch etwas sagen konnte ging er schnellen Schritts in Richtung des nahen Parkausgangs davon. Es war als wäre ein Bann von mir genommen. Für einen Moment war ich unschlüssig was ich tun sollte. Dann wurde mir wieder bewusst, wie kalt es geworden war und ich beeilte mich nach Hause zu kommen.
Als ich in der Badewanne lag, umgeben von heißem Wasser, und duftendem Schaum, ließ ich in Gedanken den Tag erneut an mir vorüber ziehen. War er es wirklich gewesen? Wie hatte ich ihn nicht sofort erkennen können? Und hatte er mich wirklich auch erkannt? Ob er mitbekommen hatte, dass ich ihn beobachtete, ihm auf den Hintern gestarrt hatte? Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. Hoffentlich erzählte er Svenja nichts davon. Schlimm genug, dass ich in meinen Träumen mit ihrem Freund schlief. Da musste sie nicht auch noch wissen, dass ich ihn unwissentlich einen ganzen Tag lang beobachtet hatte. Der Gedanke an Svenja, die mir am Montag wütend ihren Kaffee ins Gesicht kippen würde, verfolgte mich die ganze Nacht, immer wieder unterbrochen von den Augen ihres Freundes und seinen muskulösen Gliedmaßen, die verschwitzt an einem großen Felsen Halt suchten. Den Sonntag überstand ich nur mit Mühe und Not. Das Essen bei meinen Eltern zog an mir vorbei und ich erinnerte mich später zu Hause nicht einmal was es gegeben hatte. Als ich dann ins Bett ging, malte ich mir erneut Svenjas enttäuschtes Gesicht aus. Sie würde doch sicher mitbekommen, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich konnte doch meine Gefühle so schwer verbergen, bestimmt würde sie bemerken, dass ich ihr etwas verheimlichte.
Als ich am Montag früh erwachte, war ich unglaublich müde. Bestimmt hatte ich die halbe Nacht wach gelegen und mir die schlimmsten Szenarien ausgemalt. Mein Kopf war erfüllt von einem dichten Nebel, den nicht einmal eine große Tasse Kaffee verdrängen konnte und nachdem ich mich einigermaßen vorzeigbar hergerichtet hatte fuhr ich mit klopfendem Herzen zur Arbeit. Svenja war bereits da, ihr Auto war offenbar repariert worden und es stand auf seinem angestammten Parkplatz, neben meinem. Der Aufzug war ziemlich voll, sodass ich, eingekeilt zwischen zwei Bankern und einer Kollegin aus der Buchhaltung, die vier Becher Kaffee auf einem Aktenordner balancierte, keine Chance hatte mich noch einmal im Spiegel anzusehen  oder eventuelle Entschuldigungsworte zu üben. Svenja saß wie üblich an ihrem Schreibtisch, als ich eintrat. Sie war gern schon etwas früher da, so habe sie noch einen Moment Ruhe vor dem großen Sturm, hatte sie mir einmal erzählt. Sie begrüßte mich mit einem strahlenden Lächeln und begann mich gleich über die Aufgaben des heutigen Tages in Kenntnis zu setzen. Dann sah sie mich besorgt an und fragte ob ich schlecht geschlafen hätte, ich sähe furchtbar aus. Ich sah sie an. Keine Enttäuschung. Keine Wut. Nicht einmal Misstrauen war auf ihrem Gesicht zu erkennen. Sie hielt mir eine Tasse hin. „Trink! Dann geht’s dir im Handumdrehen besser.“ Ich trank. Es war irgendein Tee. Leicht bitter, etwas nussig und irgendwie ein Hauch Algen. Ich würgte das Gebräu hinunter und tatsächlich fühlte ich mich kurz darauf um einiges besser. Die Wärme breitete sich in meinem Magen aus und hinterließ ein wohliges Gefühl, als würde eine kleine Sonne in meinem Inneren aufgehen. Ich dankte ihr und vergaß darüber völlig meine Sorgen vom Vortag. Wir arbeiteten wie üblich bis spät in den Abend hinein, verließen, wie gewöhnlich, gemeinsam das Büro, nahmen den Aufzug. Erst im Aufzug erinnerte ich mich. Doch ich war viel zu müde um lange darüber nachzudenken. Wir verabschiedeten uns in der Garage und fuhren unserer Wege.
Kurz vor Weihnachten stand die obligatorische Kanzlei-Weihnachtsfeier an. Zusätzlich zum besonders üppigen Weihnachtsbonus war es in diesem Jahr, dank guter Auftragslage, gestattet mit Begleitung zu erscheinen. Da ich allerdings bis zuletzt bis zum Hals in Arbeit gesteckt hatte, war mir dieser Zusatz entgangen, zumal ich ohnehin derzeit ein Singledasein führte, und so trat ich am 18. Dezember um 19.30Uhr allein aus dem Aufzug im 7. Stock und fand mich zwischen Sektgläser-balancierenden Grüppchen von Kollegen und ihren Partnern im weihnachtlich geschmückten Foyer unserer Kanzlei wieder. Leicht frustriert, dass ich nicht einmal meinen Cousin gefragt hatte, ob er mich nicht begleiten wolle, schnappte ich mir eines der Sektgläser von einem der vorbeiwandernden Tabletts und klapperte die einzelnen Grüppchen ab, um die üblichen Freundlichkeitsfloskeln und Weihnachtswünsche auszutauschen. Als ich Svenja ausmachte, freute ich mich einfach nur, sie zu sehen. Auch sie war offensichtlich ohne Begleitung gekommen, was mich sehr beruhigte. Denn inzwischen hatte ich seit einigen Wochen nicht mehr an blaue Augen gedacht und war ganz froh, dass er mir auch sonst nirgendwo begegnet war. Es schneite nun seit gut drei Wochen ununterbrochen, sodass an ausgedehnte Spaziergänge oder Klettern nicht zu denken war. Ich ging zu ihr hinüber. Sie unterhielt sich gerade mit der Frau eines Kollegen über die äußerst üppige Weihnachtsdekoration, sodass ich einfach in das Gespräch mit einstieg. Wir hatten uns gerade ein paar Minuten unterhalten, als ich das Gefühl hatte, dass jemand hinter mir stand. Ich drehte mich um und da stand ER. Direkt vor mir. Etwas näher als üblicherweise nötig gewesen wäre, doch der Raum hatte sich zu füllen begonnen und er hatte sich zwischen zwei anderen Grüppchen hindurch in unsere Ecke zwängen müssen. Ich sah ihm direkt in die Augen. Er wand den Blick nicht ab. Es war, als würden seine Augen die meinen festhalten, sie mit sich in die Tiefe ziehen. Ich roch das Parfum auf seiner warmen Haut, die Seife mit denen er soeben seine Hände gewaschen haben musste, ein wenig Schweiß. Die Mischung brachte mich völlig aus dem Konzept, mir wurde leicht schwindelig. Svenja fragte ob alles in Ordnung sei. Ich bejahte und entschuldigte mich für einen Moment. Dann flüchtete ich zur Toilette. Dort öffnete ich das kleine Fenster und ließ mir die kalte Dezemberluft ins Gesicht wehen. Das tat gut. Ich begann mich langsam wieder zu beruhigen. Es hätte mir natürlich klar sein müssen, dass sie ihn mitbringen würde. Verdammt! Was hatte ich mir eigentlich gedacht? Nun mussten sie mich beide für völlig bescheuert halten. Ich sah mich im Spiegel an. Bleich wie die Wand. Und Wangen so rot wie das Kleid, das ich trug. Ich zupfte ein wenig daran herum, der Wasserfallausschnitt hatte sich durch den Wind etwas verschoben. Der dunkelrote Stoff fühlte sich seidig und weich zwischen meinen Fingern an. Einige Haarsträhnen hatten sich aus meiner Frisur gelöst, doch ich fand es sah nun nicht mehr ganz so gezwungen aus und so wusch ich mir nur kurz die Hände, bevor ich, tief durchatmend, wieder ins Foyer zurückging. Inzwischen hatte man den Konferenzraum geöffnet wo uns ein üppiges Buffet und viele kleine Tischgruppen erwarteten. Svenja und einige der anderen hatten sich bereits hinein begeben und Tische belegt. Sie winkte mich zu sich, als sie mich sah, neben ihr war ein Platz frei, auf der anderen Seite saß ER. Ich atmete noch einmal tief durch und ging dann zielstrebig auf meinen Platz zu, ohne ihn eines einzigen Blickes zu würdigen. Mit jedem Schritt spürte ich jedoch seinen Blick auf mir ruhen. Bei Tisch bemühte ich mich so normal wie möglich Konversation zu betreiben, doch ich vermied es nach Möglichkeit IHN direkt anzusehen. Es stellte sich heraus, dass ER, sein Name war David, als IT Spezialist bei einem großen Unternehmen in der Stadt arbeitet. Er sei nicht der große Fan von Weihnachtsfeiern, meinte er, aber er habe Svenja ja nicht allein gehen lassen können. Sie kicherte, knuffte ihn dabei leicht in die Seite und nannte ihn Scherzkeks. Nach und nach nahm meine Anspannung ab. Während des Essens floss der Wein in Strömen und auch danach noch, ließ man uns nicht auf dem Trockenen sitzen. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich David ansah. Wenn er aufstand, wenn er zum Buffet ging, wenn er sich setzte, wenn er etwas sagte. Wenn er es bemerkte sah er zurück, nur für einen Moment, der mir jedoch ewig erschien, schien er meinen Blick festzuhalten. Dann zog dieser seltsame Schatten über sein Gesicht. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Als würde die Welt kurz den Atem anhalten. Dann drehte sie sich wieder weiter, mein Blick war freigegeben, die Party ging weiter. Svenja bemerkte nichts davon. Auch ihr schmeckte der Wein. Es war bereits nach ein Uhr nachts, als ich, Svenja war wohl erneut auf die Toilette verschwunden, bemerkte, wie mir der Wein langsam zusetzte. Ich entschuldigte mich bei der Tischgesellschaft und ging hinaus, den Gang hinab zu dem Büro, das Svenja und ich gemeinsam „bewohnten“. Irgendwo im Schreibtisch mussten doch noch ein paar Kopfschmerztabletten sein. Ich stand gerade, den Rücken zur Bürotür, über die Schublade gebeugt, als 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen